Hymer ML-I im Test

Der Hochbeinige

Von außen wirkt dieser Integrierte irgendwie gewöhnungsbedürftig. Einerseits ist er mit seinen Außenmaßen von 699 mal 222 Zentimetern im Vergleich mit anderen Fahrzeugen dieser Kategorie nicht gerade ein Riese. Andererseits erhebt sich das Mobil 304 Zentimeter himmelwärts. Das sind immerhin 14 Zentimeter mehr als sein Pendant ohne Allrad.

Wie hochbeinig der ML-I als Allrad ist, fällt besonders beim Einstieg auf. Ohne die elektrisch ausklappbare Stufe wäre der 60 Zentimeter hohe Tritt kaum zu bewältigen.

Die Ursache für diese Bodenfreiheit ist konzeptionell bedingt. Die Wohnkabine mit dem stufenlosen Boden vom Fahrerhaus bis zu den Heckbetten sitzt auf einem Chassis des Sprinters 316 CDI. Dazu kommt ein zuschaltbarer Allradantrieb, der braucht Platz.

Wie aber wirkt sich diese Kombination von luxuriösem Ambiente in einem Mobil der oberen Klasse, gepaart mit einem Fahrwerk eher für den robusten Einsatz, auf den Urlaubsalltag aus? Wie fährt sich der ab 78.990 Euro teure Integrierte? Reisemobil International war mit dem Hymer ML-I Allrad unterwegs im Kleinwalsertal – wo Schnee schon früh im Winter zu finden war.

Doch bis zu der weißen Pracht rollte das Mobil mit seiner zulässigen Gesamtmasse von 4.050 Kilogramm über den Asphalt. Das verstärkte Fahrwerk nimmt dem Sprinter seine Neigung, stark zu wanken – hart, aber angenehm.

In Riezlern, dem ersten Ort im Kleinwalsertal, geht es links hinauf zum Alpencamping Haller, direkt an der Piste gelegen. Die Zufahrt ist kurz, aber steil. Es hat geschneit, die Fahrbahn ist glatt, der Matsch festgefahren. Also Druck auf den Knopf rechts neben der Lenksäule. Nach ein paar Sekunden erscheint „Allradantrieb aktiv“ im Display zwischen Tacho und Drehzahlmesser – problemlos zieht der ML-I die Auffahrt hinauf zu dem Platz. Auch beim rückwärtigen Einrangieren auf die Parzelle bleibt der Allradler spurtreu. Alles kein Problem.

Geradezu angenehm erweist sich der Aufenthalt in dem Integrierten. Die Eltern schlafen im Hubbett auf der 185 mal 147 Zentimeter großen Matratze. Die ist zwar gerade mal neun Zentimeter dick, aber angenehm hart. Der Lattenrost drückt nicht durch.

Die zwei Kinder machen es sich in den Längs-Einzelbetten im Heck bequem. Von denen misst das abgeschrägte auf der Beifahrerseite 194 Zentimeter in der Länge, das andere 187 Zentimeter. Beide sind 77 Zentimeter breit. Für Kinder genug.

Doch noch geht es nicht ins Bett. Nach dem Skitag macht es sich die Familie erst mal an der Halbdinette bequem. Die Fahrersitze sind gedreht, die Zweier-Sitzbank steht ihnen gegenüber. Der Tisch, er misst 100 mal 65 Zentimeter, bildet das Zentrum des Wohnteils in dem Integrierten.

Damit der Passagier auf dem Beifahrersitz nicht vereinsamt, lässt sich eine zusätzliche Platte, sie sitzt arretiert unter der Tischplatte, in die richtige Position drehen. Sie ist zusätzliche 43 Zentimeter lang, 57 Zentimeter breit und vergrößert den Tisch erheblich. Nachteil: Durch das etwas schwergängige Herausdrehen wird die Lagerung
des Tisches an der Seitenwand zunehmend wackeliger.

Ihren Hunger stillt die Familie nach einem Tag voller Wintersport mit gemeinsamen Mahlzeiten. Die Vorräte lagern im Slim-Kühlschrank rechts neben dem Küchenblock. Zubereitet werden sie auf dem Dreiflammherd mit elektronischer Zündung. Außer diesem Kocher von Dometic fasst die Arbeitsplatte eine 30 mal 40 Zentimeter große Edelstahlspüle.

Dadurch fällt die Arbeitsfläche relativ knapp aus. Doch Hymer baut links seitlich ein hochklappbares Brett an den 93 Zentimeter hohen Küchenblock. Warum das 27 mal 28 Zentimeter große gute Stück allerdings nicht waagerecht einrastet, dafür aber zur Seite abfällt, bleibt ein Geheimnis.

Untadelig sind die Staufächer: Im Küchenblock finden Töpfe und Pfannen, Teller und Tassen, Brettchen und Schneidzeug in zwei großzügig dimensionierten Schubladen mit automatischem Einzug Platz. Besteck bekommt ganz oben einen eigenen Kasten spendiert. Restliche Küchenutensilien verschwinden in dem breiten Hängeschrank.

Solch angemessenes Raumangebot findet sich in dem gesamten Integrierten. Rechts neben dem Kühlschrank prangt über die gesamte Stehhöhe von 199 Zentimetern ein schmaler, aber nicht zu verachtender Kleiderschrank, in den sich sogar ein, zwei Jacken hängen lassen.

Mehr Jacken passen an die Kleiderstange im Schrank unter dem linken Heckbett. Dem gegenüber befindet sich ein weiterer Schrank, ebenfalls in erster Linie für Klamotten.
Wäsche indes passt gut in die fünf Dachschränke über den Heckbetten. Hemden jedoch lassen sich nur quer verstauen oder noch einmal gefaltet – dabei wäre in den Schränken über den Fußenden der Heckbetten Raum gewesen, die Fächer tiefer zu gestalten.

Den Hammer an Stauraum schlechthin bildet die Heckgarage unter den Betten. Sie ist serienmäßig durch zwei Türen – ach was: 100 mal 121 Zentimeter große Pforten – zu bedienen. Sie schluckt locker vier Fahrräder und bietet aßer dem Gaskasten für zwei Elf-Kilo-Flaschen noch immer Platz für anderes Gerät. Super. Auch die Gewichtsgrenze von 450 Kilogramm unterstreicht, dass diese Heckgarage eine der größten ihrer Art in dieser Klasse sein dürfte.

Die Liebe zu viel Stauraum setzt sich im Bad fort. Das misst 80 mal 128 Zentimeter. Von Letzteren sind 60 Zentimeter der Dusche zuzuschlagen, wenn sie zum Einsatz kommt. Ansonsten erweitert sie den Raum. Pfiffig: Im unteren der zwei Schränke ist ein Schlitz und auf der Innenseite eine Halterung für eine Rolle Klopapier. Das lässt sich durch den Schlitz ziehen und so quasi unsichtbar benutzen. Nettes Detail.

Angesichts solcher Annehmlichkeiten und der Wärme, erzeugt durch die Luftheizung Truma 6 Combi, wird Wintercamping zum Vergnügen. Doch nach den paar Tagen auf Piste und Campingplatz soll es noch einmal zum Talschluss gehen, hinüber bis nach Baad und zum Ifen.

Auf einem Parkplatz ergibt sich eine prima Möglichkeit für ein Foto. Aber der ist doch tief verschneit. Macht doch nichts, bei Bedarf ist ja Allrad an Bord. Also los. Reinfahren, in Position bringen, Fotos machen.

Und nun wieder raus, mit Gefühl, erst mal ohne Allrad. Mit leisem Krachen macht das linke Hinterrad darauf aufmerksam, dass es gerade durch die planierte Schneedecke eingebrochen ist. Ein Versuch freizukommen scheitert. Das Rad gräbt sich nur tiefer ein. Kein Wunder bei einer Last von einer Tonne pro Rad.

Und mit Allrad? Nutzt in diesem Fall nichts. Das nächste Rad sinkt ein. Die vereisten Kanten vor den normalen Winterreifen sind einfach zu hoch, da geht nichts mehr. In dieser Konstellation stößt der Allradantrieb an seine Grenzen.

Zum Glück läuft gerade eine Gruppe Bergwanderer vorbei auf dem Weg zu einem Lawinenkurs. Die haben, so will es das Lehrbuch, Schaufeln dabei. Sofort zeigen sie, was sie drauf haben und ziehen mit vereinten Kräften eine Spur vor und hinter den Pneus.
Jetzt langsam ein Stück zurück und dann – mit Schwung über die Kante, bloß nicht anhalten, rüber die fünf, sechs Meter zur rettenden Straße, geschafft. Uff. Einmal in Fahrt, war der Allradantrieb prima. Auf einbrechendem Untergrund nicht ganz wie erhofft.

Der Rest ist Heimfahrt auf harmlosen Asphalt. Übrigens mit passablem Verbrauch: Bei den auf der Landstraße möglichen 60 bis 80 km/h genehmigt sich der ML-I 11,7 Liter, auf der Autobahn je nach Gelände zwischen 12,8 und 13,4 Liter Diesel auf 100 Kilometer.

Fazit

Ein angenehmes, gut verarbeitetes Reisemobil, dieser ML-I. Der
Integrierte ist ein gemütliches 
Urlaubsdomizil für die Familie. 
Ob allerdings der Allradantrieb
sein muss, ist die Frage, kommt
er im richtigen Leben doch wohl
 eher selten zum Einsatz. Wer also 
nicht im Hochgebirge wohnt oder vor seinen Kumpels protzen will, kann getrost auf 4×4 verzichten. Das spart Geld und Gewicht.

Technische Daten

Fahrgestell: Mercedes-Benz Sprinter 313 CDI (Basis), 316 CDI, Sechsgang-Automatik-Getriebe (beides: Testwagen), zuschaltbarer Allradantrieb
Maße und Massen: (L x B x H): 6,99 x 222 x 405 cm, Radstand 366,5 cm, zul. Gesamtmasse: 4.050 kg, Anhängelast gebremst: 1.680 kg
Aufbau: Dach/Wände 35/35 mm PUAL-Sandwich, Boden 46 mm, doppelter Boden
Betten: Hubbett 185 x 147, Einzelbetten hinten 194 x 77 und 187 x 77 cm
Füllmengen: Frisch-/Abwasser: 120/100 Liter isoliert, Gas: 2 x 11 kg, Kühlschrank 142 Liter
Serienausstattung: ABS, ASR, EBV, ESP, verstärkte Lichtmaschine 14 V/180 A, beheizbare und elektrisch verstellbare Außenspiegel abgehängt in Wagenfarbe, Tagfahrlicht u. v. m.
Extras: Pakete „Komfort-Line“, „Power“ und „Arctis“: Klimaanlage, Tempomat, Fahrertür; zweite/dritte Wohnraumbatterie, Wechselrichter; Isolierverglasung, Warmwasserheizung von Alde und mehr
Testverbrauch: 11,7 bis 13,4 Liter/100 km Grundpreis: 78.990 Euro plus 11.390 Euro für
Allradantrieb Testwagenpreis: 99.943 Euro

  • Info: Hymer

  • Text: Claus-Georg Petri

  • Bild: Claus-Georg Petri

3 Kommentare

  1. Wolfgang Bluhm 17. März 2016 um 18:15 Uhr

    Sehr geehrter Herr Claus-Georg Petri,
    Ihre am Berichtsende negative Beurteilung vom Allrad (4×4) finde ich für eine Fachzeitschrift unsachgemäss. Wenn ich schon ein WM mit Allrad habe und auf einem verschneiten Stell- bzw. Parkplatz (ggf. auch eine ungünstige Position habe) stehe, dann fahre ich sofort mit 4×4 los. Ihr Losfahren o h n e Allrad halte ich für falsch. Mein Fazit dazu: ein fataler Fahrfehler!!!.

    Ein WM mit Frontantrieb hätte bestimmt noch größere Probleme gehabt.
    Über eine Feedback würde ich mich freuen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Wolfgang Bluhm

    • Claus-Georg Petri 23. März 2016 um 15:16 Uhr

      Lieber Herr Bluhm,

      danke für Ihren Brief. Schön, dass Sie sich so intensiv mit dem Test auseinandersetzen.

      Dass Sie allerdings so hart urteilen (unsachgemäß, fataler Fahrfehler), verwundert mich. Es ist natürlich ein Unterschied, ob jemand einfach so auf Reisen ist, oder ob er ein Fahrzeug testet. In letztem Fall probiert derjenige aus, was geht – oder eben nicht. Das Mobil an seine Grenzen zu bringen war also kein fataler Fahrfehler, sondern eine Möglichkeit, den Lesern zu zeigen, was machbar ist.

      Mit freundlichen Grüßen,

      Claus-Georg Petri

      Redaktion
      Reisemobil International

      • Wolfgang Bluhm 25. März 2016 um 12:35 Uhr

        Sehr geehrter Herr Petri,

        der Praxistestbericht mit Allrad-Beurteilung ist nach meiner Meinung etwas dürftig ausgefallen. Schwerpunkt Ihres Berichts war doch wohl „Allradantrieb“. Deshalb mein evtl. hartes Urteil dazu. Hätte man nicht zuerst losfahren mit 4×4 testen sollen, ein „Eingraben der Räder“ wäre voraussichtlich nicht erfolgt. Erst durch das Eingraben der Räder konnte der Allradantrieb seine Stärke nicht mehr zeigen. Alsdann ein Versuch ohne Allrad. Soweit mein Urteil bezügl. Fahrfehler.

        Mit freundlichen Grüßen
        Wolfgang Bluhm

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