Exklusiv: Im Gespräch mit Martin Brandt
„Die Herausforderungen werden immer größer“

Der Vorstandsvorsitzende der Erwin Hymer Group, Martin Brandt, erklärt, wie sich das weltweit aktive Unternehmen für die Zukunft wappnet – Dual-Track-Verfahren inklusive.

Das Interview mit Martin Brandt führten Heiko Paul und Claus-Georg Petri:

Reisemobil International: Herr Brandt, die Erwin Hymer Group hat in den vergangenen drei bis vier Jahren ihren Umsatz von 1,4 auf 2,5 Milliarden Euro gesteigert. Worauf lässt sich dieser Erfolg zurückführen?

Martin Brandt: Wir bieten qualitativ hochwertige Reisemobile und Caravans an, dazu das passende Zubehör. Außerdem decken wir mit unserer Produktpalette die Interessen der gesamten Käuferschicht ab. Was aber noch wichtiger ist: Caravaning ist in der Gesellschaft angekommen. Mit dem Reisemobil Urlaub zu machen ist sexy.

Sie haben jüngst ein Joint Venture mit der chinesischen Marke Loncen abgeschlossen. Was bezwecken Sie damit?

Der chinesische Markt ist sehr vielversprechend, die technischen Anforderungen an Fahrzeuge zu erfüllen ist für Importeure aber sehr aufwändig. Dadurch und durch Zölle verteuern sich zum Beispiel Reisemobile und werden für potenzielle Käufer uninteressant. Mit dem Joint Venture produzieren wir aber selbst in China – und haben damit den Fuß in der Tür. Außerdem treiben wir damit unsere Internationalisierung weiter voran.

Auch Kanada haben Sie kräftig investiert. Wozu eignet sich das Engagement hier?

Das hat zwei Gründe: Zum einen forscht unser kanadisches Tochterunternehmen stark in Richtung autonomes Fahren für Reisemobile. Damit gehen wir einen wichtigen Schritt in die Zukunft. Zum anderen bauen die Kanadier bei der Firma Roadtrek Fahrzeuge für den nordamerikanischen Markt im europäischen, in unserem Design. Das hebt sich so stark von dem ziemlich vereinheitlichten Design dort ab, dass es gut ankommt.

Das klingt so, als hätten Sie noch weitere Pläne in Amerika.

Amerika ist ein attraktiver Markt für uns, in dem wir großes Potenzial sehen. Aufgrund der Größe denken wir darüber nach, wie wir noch mehr Kundennähe herstellen können. Zum Beispiel im Süden des Landes, der von Kanada aus nicht so schnell zu erreichen ist.

Trotz Ihres Erfolgs führen Sie Gespräche über den Verkauf der EHG. Warum?

Das ist nicht ganz richtig, die Familie Hymer hat ein Dual-Track-Verfahren eingeleitet. Es schließt sowohl die Möglichkeit eines Börsengangs als auch eine externe Beteiligung durch einen Partner ein. Es werden daher mit großer Sorgfalt und ergebnisoffen die verschiedenen Optionen und dazugehörige, mögliche Kriterien geprüft. Ziel ist, die Tradition und die Stärke der Gruppe erfolgreich in die Zukunft zu überführen und die Basis für weiteres Wachstum zu legen. Den Wachstumskurs kann die EHG auch aus eigener Kraft fortsetzen – ein Investor oder ein Börsengang würde zusätzlich Schubkraft geben.

Welche Optionen verfolgen Sie für einen Verkauf der EHG?

Wie gesagt, die Familie fährt zweigleisig, und es ist bislang keine Entscheidung für den einen oder anderen Weg gefallen. Wie in einem solchen Prozess üblich, werden verschiedene Kriterien durchdacht und bewertet. Das ist Teil der unternehmerischen Verantwortung.

Wann fällt die Entscheidung?

Zeit ist nicht das ausschlaggebende Kriterium – sondern Sorgfalt und Qualität.

Und wer sind Ihre bevorzugten Partner: die Amerikaner oder die Chinesen?

Die Familie wird den Weg gehen, der am geeignetsten ist, um den Wachstums- und Internationalisierungskurs auch in Zukunft fortzuschreiben. Das kann mit einem Partner sein, wie auch durch einen Börsengang.

Was ist mit Firmen wie Daimler, Fiat oder PSA? Haben Sie auch mit denen geredet?

Zum Kreis der Geschäftspartner können wir uns auf Vertraulichkeitsgründen nicht äußern. Er schließt verschiedene Parteien ein – Investoren ebenso wie strategische Partner.

Auf dem Caravan Salon 2018 hat sich nur Dethleffs den alternativen Antrieben gewidmet – mit dem Caravan e-Coco. Wir denken, dass sich die Caravaning-Branche zu wenigen solchen Themen wie der Dieseldiskussion und Fahrverboten stellt, auch die EHG. Ruhen Sie sich auf Ihren Lorbeeren aus?

Nein, das denke ich nicht. Allerdings reicht es uns nicht, dass sich Hersteller von Reisemobilen auf die Produzenten der Basisfahrzeuge verlassen und selbst darauf hinwirken.

Das ist die Erwin Hymer Group

Die Erwin Hymer Group (EHG) vereint Reisemobil- und Caravanhersteller, Zubehörspezialisten sowie Miet- und Finanzierungsservices unter einem Dach. Stammsitz des Unternehmens ist Bad Waldsee. Insgesamt bündelt die EHG 24 Marken. Im Reisemobilsektor sind dies Hymer, Bürstner, Dethleffs, Carado, Sunlight, Niesmann+Bischoff, Laika und mehr.

Die EHG baut pro Jahr 62.000 Fahrzeuge und hat im Geschäftsjahr 2017/18 mit 7.300 Mitarbeitern sowie 1.270 Handelspartnern einen Umsatz von 2,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Bei Reisemobilen hält das Unternehmen europaweit aktuell einen Marktanteil von 26, bei Caravans von 22 Prozent. In Europa verfügt die EHG über 39 Standorte, in Nordamerika über 7. Jüngst ist die EHG ein Joint Venture mit einem Hersteller in China eingegangen.

Den Wert der EHG taxieren Fachleute auf 2,5 bis 3 Milliarden Euro.

Martin Brandt, Vorstandsvorsitzender der Erwin Hymer Group

Das ist Martin Brandt

Martin Brandt ist seit August 2015 Vorstandsvorsitzender (CEO) der Erwin Hymer Group. Der 57-Jährige wurde im Januar 2018 um weitere drei Jahre in seiner Aufgabe bestätigt. Zuvor hat der Diplom-Wirtschaftsingenieur Erfahrungen auf nationaler und internationaler Ebene gesammelt. Martin Brandt ist verheiratet und hat zwei Kinder.

2018-09-05T15:02:52+02:00News, Startseiten Teaser 1|Kommentare deaktiviert für Exklusiv-Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der Erwin Hymer Group