Umrüstung

Euro 6 für alle

Fahrverbote. Nach wie vor schweben sie wie ein Damoklesschwert über den Besitzern von gar nicht mal so alten Reisemobilen. Gestern gekauft, heute schon veraltet? Das möchten Autoindustrie und Lobbyisten dem Kunden so weismachen. Schon ein, zwei Jahre alte Fahrzeuge, die „alten Stinker“, genügen nicht mehr aktuellen Ansprüchen und sollen möglichst schnell durch Neufahrzeuge ersetzt werden.

Die Regierung motiviert derzeit Autofahrer, selbst Fahrzeuge in technisch hervorragendem Zustand mit Euro-4- oder Euro-5-Motoren durch die sogenannte Umweltprämie gegen ein neues zu tauschen. In Sachen Klimabilanz meist ein fataler Fehler, da Herstellung und Transport von Neufahrzeugen für gewaltige Emissionen sorgen. Wäre es nicht viel sinnvoller, ihren Werterhalt zu sichern, indem man ihren Schadstoffausstoß minimiert?

Technisch gesehen kein Problem. Hersteller wie Twintec und HJS liefern schon länger technische Lösungen, die weltweit tausende Fahrzeuge sauberer gemacht haben. Wer wünscht kann die Systeme einbauen, nur genehmigt der Gesetzgeber keine Umschlüsselung von Euro 4 und 5 auf Euro 6. Warum? Die Argumente erscheinen nebulös. Zumal diese weit nachhaltigere Lösung schon kurzfristig für eine deutliche Senkung der Stickoxide sorgt.

Auch Michael Ebling, Oberbürgermeister der Stadt Mainz, sieht in der Nachrüstung von Filtern einen gangbaren Weg. „Es ist mein oberstes Ziel, ein Fahrverbot zu verhindern. Das wäre ein erheblicher Eingriff in die Mobilität der Stadt, der Bürger, der Unternehmen und kleineren Betriebe“, sagt Ebling und stellt eine Umrüstung der städtischen Busse auf Euro-6-Norm schon für das laufende Jahr 2018 in Aussicht. Eine clevere Entscheidung. Die Berliner Verkehrsbetriebe hatten 2015 schon 202 Doppeldeckerbusse mit dem SCR/SCRT-Systemen von HJS ausgerüstet – und senkten damit den Stickoxid-Ausstoß um mehr als 80 Tonnen. Wohlgemerkt: pro Jahr.

Das wäre auch ein Ansatz für Städte wie Stuttgart, die mit ungeeigneten Luftreinhalteplänen versuchen, Feinstaub und Stickoxide zu reduzieren. Zumindest letztere ließen sich, würde die Politik grünes Licht geben, schon in Kürze durch die Nachrüstung entsprechender Filter spürbar reduzieren.

Weitab jeglicher Vernunft und technischer Machbarkeit: die Forderung des früheren Bundesverkehrsministers Alexander Dobrindt. Er bläst in das selbe Horn wie VW Nutzfahrzeuge. Beide glauben, das Problem sei softwaretechnisch zu beheben. VW geht sogar noch einen Schritt weiter und behauptet, Filter seien gar nicht in der Lage, Gase wie zum Beispiel NOx aus den Abgasen herauszufiltern. Das Gegenteil ist der Fall, wie ein kürzlich vom ADAC durchgeführter Test beweist.

Dass in diesem Fall wieder einmal der Reisemobilist die Zeche zu zahlen hat für fehlende, rechtzeitig von der Politik geschaffene Rahmenbedingungen für die Fahrzeughersteller, steht auf einem anderen Blatt.

  • Text: Karsten Kaufmann

  • Bild: Twintec