|

Dem Sitzkomfort auf der Spur

Fahrersitze im Vergleich

Wie komfortabel sitzen Reisemobilisten in ihren Fahrzeugen? Reisemobil International hat Fahrersitze von Basisfahrzeugen kritisch unter die Lupe genommen.

Die Deutschen sitzen zu viel – mit unausweichlichen Folgen für ihre Gesundheit. Wer zudem noch schlecht sitzt, verspannt und versteift unnötig stark. Das gilt für die Zeit im Bürostuhl oder vor dem Fernseher ebenso wie für die Zeit am Steuer des Reisemobils.

Doch wie ist es um den Sitzkomfort in den gängigsten Basisfahrzeugen für Reisemobile bestellt? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, überprüfte Reisemobil International zusammen mit Detlef Detjen, Ergonomie-Experte von der Aktion Gesunder Rücken, zahlreiche Fahrersitze. Die Gestühle von Fiat Ducato, Mercedes-Benz Sprinter und V-Klasse mussten sich ebenso einem Check unterziehen, wie die Sitze im Ford Nugget, VW Multivan und VW California. Parallel nahmen die Tester auch auf branchenbekannten Nachrüstsitzen Platz – sie sind bei einigen Herstellern als Sonderausstattung zu erhalten.

Neben einer straffen Polsterung müssen Rückenlehne und Sitzfläche wirbelsäulengerecht geschnitten und konturiert sein.
Detlef Detjen, Ergonomie-Experte von der Aktion Gesunder Rücken

Der Wunschgedanke

Jeder Fahrer wünscht sich, möglichst bequem und somit ohne Verspannungen ermüdungsfrei zu sitzen. Doch was macht einen Fahrersitz zu einem ergonomischen Komfortsessel? Detlef Detjen kreist wichtige Merkmale ein: „Aber erst die Möglichkeit, den Sitz an die individuellen Ansprüche des Fahrers anzupassen, macht ihn zu einem wirklich guten Sitz.“

Ein wichtiger Punkt. Denn leider wird ein Sitz nicht für den jeweiligen Fahrer maßgeschneidert. So ist ein und derselbe Sitz für unterschiedliche Körpermaße nur wirklich dann ein rückengerechter, ergonomischer Sitz, wenn er vielfältige Einstellmöglichkeiten besitzt. Neben der Einstellbarkeit von Sitzweite, Höhe, Rückenlehnen- und Sitzflächenneigung sind daher weitere Optionen grundlegend wichtig. So ist die Verlängerung der Sitzkissentiefe für mittelgroße bis große Fahrer ebenso unabdingbar, wie eine Vier-Wege-Lordosestütze für alle Fahrer. Denn was bringt ein aufpumpbares Kissen an der Lendenwirbelsäule, wenn man es nicht an die richtige Stelle schieben kann?

Die Realität

Die Wirklichkeit im Nutzfahrzeugsegment sieht anders aus. Reisemobilhersteller bauen auf Chassis auf, die ansonsten in Speditionen oder bei Handwerkern unterwegs sind. Mit dem Chassis liefert der Hersteller schon fertig montiert die Fahrersitze. Die sind von den Ingenieuren auf Robustheit und preislich eher auf Einsteigeransprüche getrimmt. In Sachen Ergonomie befriedigen die Sitze nur Minimalansprüche. Schade eigentlich – denn auch in diesem Segment sitzen Vielfahrer hinterm Steuer.

Doch es gibt auch Positives zu vermelden. So sticht im Check der Sitz der Mercedes V-Klasse, Basisfahrzeug für einige Kastenwagenausbauer, besonders positiv heraus – auch wenn er nicht alle Ansprüche an einen perfekten Sitz erfüllt. Auch Käufer von Westfalias Marco Polo dürfen sich auf diesen Sitz freuen. So zieht automotiver Komfort, zumindest teilweise, im Van-Segment ein.

VW gelingt der Transfer nicht ganz so gut. Ein erstklassiger Fahrersitz aus einem T6 Multivan in der Highline-Ausstattung ist im neuen California nicht zu bekommen, zumindest nicht, wenn drunter die Konsole drehen soll. Mit ihr entfällt die optionale Höheneinstellung. Dennoch: Der Komfort im California spielt, verglichen mit branchenüblichen Standards, in der Oberliga.

Den branchenüblichen Standard definiert Fiat mit einem Marktanteil von weit über 70 Prozent. Und gerade der Ducato-Seriensitz überzeugt nur eingeschränkt – denn sowohl Bedienungs- wie auch Sitzkomfort sind durchschnittlich.

Mercedes, VW, Ford und Fiat – Die Seriensitze im Vergleich

  • Mercedes-Benz: Westfalia/Marco Polo/V-Klasse

    Die Fahrersitze im Mercedes Van sind ergonomisch geschnitten und bieten guten bis sehr guten Sitzkomfort. Fahrer mit Rückenproblemen wählen unbedingt die optionale Vier-Wege-Lordosestütze. Mit einem ausziehbaren Sitzkissen würde Mercedes den Sitz noch deutlich aufwerten.

  • Volkswagen: Multivan/California

    Die Basisvarianten der Multivan- und California-Sitze bieten guten Standardkomfort. Die optionale Lordosestütze ist empfehlenswert, die beiden serienmäßigen Armlehnen erhöhen den Sitzkomfort deutlich. Die hohe Sitzposition im Fahrzeug und der hervorragende Rundumblick runden Sitz- und Fahrkomfort stimmig ab.

  • Ford: Nugget

    Der neue Ford-Nugget-Sitz von SKA baut trotz Drehkonsole sehr flach, Sitzposition und Rundumsicht gewinnen dadurch. Die Ausstattung ist umfangreich, der Sitzkomfort durchschnittlich. Deutlichere Konturen würden den Sitz spürbar aufwerten.

  • Fiat: Ducato

    Der Fiat-Seriensitz bietet durchschnittlichen Sitzkomfort. Mit besseren Konturen und einer Verstellung der Sitzkissentiefe würde der Sitz deutlich gewinnen.

  • Mercedes-Benz: Sprinter

    Der Mercedes-Sprinter-Sitz offeriert ordentlichen, aber nicht vollständig überzeugenden Sitzkomfort. Eine bessere Lordosestütze, deutlichere Konturen und ein Sitzkissenauszug stehen auf der Wunschliste von Reisemobilisten weit oben.

Die Alternativen – Nachrüstsitze von Aguti und Grammer

Aguti-Fahrersitze

Den meisten Reisemobilisten sind Fahrersitze von Aguti bekannt, der Hersteller aus Langenargen beliefert zahlreiche Wohnmobilhersteller. Sitze wie den Milan beispielsweise bietet Aguti in den Versionen Basic und Standard an. Die Topvarianten bieten Sitzflächen- und Höhenneigungsverstellung sowie Sitzheizung. Hinzu kommen Versionen mit verschiedenen Rückenbreiten, Modellen mit integriertem Gurt oder eben ohne. Die Auswahl für die Hersteller ist gewaltig. Reisemobil International und Aktion Gesunder Rücken konnten nur einen kleinen Auszug der Produktpalette unter die Lupe nehmen: die beliebten Modelle Aguti Milan im Hymer ML und den Aguti GIS Liner in einer Hymer B-Klasse.
Der verbaute Milan im Hymer ML ist eher als Einstiegsmodell zu bewerten. Die Polsterung der Sitzfläche ist durchaus bequem, tendenziell etwas weich geraten, die seitliche Konturgebung ist schwach ausgeprägt. Eine Lordosestütze fehlt, wäre optional zu erhalten und auch empfehlenswert. Die Bedienelemente sind gut zu erreichen, in puncto Bedienbarkeit erhalten Knöpfe und Hebel nur mittlere Punktzahlen.
Auch der GIS Liner in der Hymer B-Klasse stellt sich als bequemer, etwas zu weicher Komfortsitz vor. Die Einstellbereiche sind groß, die Bedienelemente leicht zu erreichen. Die Rückenlehne ist kurz geschnitten, die Seitenkontur nur leicht ausgeprägt. Eine Lordosestütze spendiert Hymer nicht serienmäßig, auch kein Sitzkissentiefenauszug. Mit 480 Millimetern ist das Sitzkissen aber verhältnismäßig kurz geschnitten.

Grammer-Fahrersitze

Grammer aus Amberg in der Oberpfalz ist spezialisiert auf hochwertige Sitze auf Lkw, Busse, Landmaschinen und Bahnen. Ab April 2016 sind hochwertige Grammer-Sitze erstmalig in Reisemobilen zu erhalten. So bietet Knaus einige Integrierte wahlweise mit den Modellen Luxury oder Super Luxury an. Beide lassen sich 100 Millimeter in der Höhe verstellen, der Luxury mechanisch, der Super Luxuray verwöhnt mit einer pneumatischen Höheneinstellung und einer mehrstufigen Dämpfung.
Im Check von Reisemobil International überzeugen beide Sitze, alle Bedienteile sind leicht zu erreichen und ebenso problemlos zu bedienen. Ducato-Fahrer freuen sich über eine besonders tiefe Sitzposition – mit dem Grammer sinkt diese um bis zu 50 Millimeter. Die obere Kante der Windschutzscheibe verschwindet somit endlich etwas aus dem Blickfeld.
Auch die ergonomischen Eckdaten stimmen auf den Punkt, Verstellbereiche, Polsterung und Konturgebung versprechen bequemes Sitzen und ermüdungsfreies Fahren. Während Grammer die Rückenlehne besonders stark konturiert, um den Rücken optimal seitlich abzustützen, fällt die seitliche Polsterung der Sitzfläche etwas flacher aus. So will Grammer sicherstellen, dass sich der Sitz auch zum Lümmeln eignet.

Große Drehräder erleichtern das Einstellen der Armlehnen.
Sehr schade: Knaus Tabbert ordert die Sitze ohne Sitzkissentiefenverlängerung. Ein Merkmal, dass den Sitz für Kunden deutlich aufwerten würde. Immerhin: Nur mit dem Auszug lässt sich der Sitz auf Fahrer verschiedener Größe perfekt einstellen.
Tolles Merkmal: Beide Modelle lassen sich in nahezu jeder Position ohne jegliches Rangieren problemlos drehen, der Knopf zum Entriegeln liegt in jeder Position in Griffweite. Das Drehen des Sitzes gelingt somit spielend leicht. Die pneumatische Lordosestütze und die zweistufige Sitzheizung sind nur im Topmodell erhältlich.

Infobox

Den vollständigen Vergleichstest mit ausführlichen Testbriefen zu den Seriensitzen lesen Sie in der Reisemobil-International-Ausgabe 11/15.

Redaktion
Karsten Kaufmann
Karsten Kaufmann ist seit 2007 bei der Reisemobil International und ist Experte für Praxis und Zubehör.
zum Profil

Kommentieren

HINWEIS: Um den Artikel zu kommentieren, melden Sie sich einfach mit Ihrem persönlichem Facebook-Account an.

Ähnliche Artikel

Statt 27,90

jetzt nur

24,90

6.800 Stellplätze – Deutschland und Europa