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VW Crafter im Test

Schnell entwickelt

Der neue Crafter: So fährt er, das kann er und wie seine Zukunft als Reisemobil ausschauen könnte.

Es war im Jahr 2013, da fiel bei VW die Entscheidung: Wir bauen den Crafter selber. Auch ein bisschen aus der Not heraus, weil Daimler die bis dato gültige Kooperation aufgekündigt hatte. Ein Crafter war seither ein Mercedes-Benz Sprinter mit VW-Motor und Antriebsstrang.

Als Juniorpartner jedoch sah sich VW nicht mehr konkurrenzfähig. So war etwa vertraglich festgelegt, im Crafter kein Automatikgetriebe anbieten zu dürfen. Früher war das für das Transportergeschäft vertretbar, heute nicht mehr.

Dann ging der Anruf nach Polen. Bei Posen hatte VW schon das Werk für den Caddy, jetzt brauchte der Konzern nur noch den Bauplatz für den Crafter. Die Polen haben mitgemacht – und: Heute, zwei Jahre nach Baubeginn 2014, steht das Werk in Września. Reisemobil International war vor Ort.

Ein riesiges Werk, in dem künftig trotz des Automatisierungsgrads von 90 Prozent 3.000 Angestellte arbeiten sollen. Riesige Hallen, in denen bis zu 350 Transporter am Tag auf den Fertigungsstraßen entstehen. Beim Besuch Mitte Juni war die Produktion noch nicht angelaufen, letzte Einstellungsmaßnahmen werden getätigt. Lackiert die ultramoderne Lackieranlage auch das, was sie soll? Millimeterarbeit in einem Werk, das 20 Fußballfelder groß ist. Eine Halle ist allein 850 Meter lang. Heimat für 550 Roboter.

Ein Teil der Führungsmannschaft von VW Nutzfahrzeuge ist ebenfalls in Września: Werksleiter und Chef der Qualitätssicherung, dazu Dr. Eckhard Scholz, Vorstandsvorsitzender von VW Nutzfahrzeuge. Was auffällt: Alle sind gut drauf und entspannt. Und das, obwohl zwei Tage nach dem Ortstermin die wohl schwierigste VW-Hauptversammlung jemals in Wolfsburg abgehalten werden muss – Stichwort: Dieselgate.

Aber hier, bei den Nutzfahrzeuglern, ist die Stimmung gut. „Ja, sagt Dr. Scholz, „wenn der Crafter so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, dann könnte das positive Stimmung auch in den Konzern bringen.“

Kaum vorzustellen: VW Nutzfahrzeuge hat den Van entwickelt und parallel das Werk gebaut. Beides innerhalb von drei Jahren. Die Produktionsstätte ist schneller fertig geworden als geplant, und der Crafter ist ein guter Transporter geworden.

Rund 300 Kilometer sind Tester von Reisemobil International erste Vorserienfahrzeuge von Września nach Danzig gefahren. In verschiedenen Varianten.

Des Crafters Eckdaten: Die Maße fallen ähnlich aus wie beim Sprinter. Das heißt für die Caravaning-Branche, dass sich ein Querbett im Heck als Kastenwagen nur mit Verbreiterung anbieten lässt, was den Markt klein macht. Aber gut, an Kastenwagencamper denkt VW bei angepeilten 100.000 Stück im Jahr nicht unbedingt als erstes.

Als Reisemobilbasis für Teilintegrierte indes bietet sich der neue Crafter auf jeden Fall an. Er kommt zunächst als Fronttriebler, dann aber auch als Allrad und heckgetrieben. Alle Varianten sollen mit Wandlerautomatik zu haben sein, für den Komfort im Reisemobil sinnvoll, liegt der Fortschritt bei einer solch kompletten Neuentwicklung tatsächlich großteils beim Komfort.

Technisch ist der Crafter ein Transporter, wie Transporter heute nunmal so sind. Interessant: Die Karosserie hat (übertrieben gesagt) die Form eines Fisches. Die Seitenwände sind konkav gewölbt, also nach außen, das reduziert den Luftwiderstand und damit den Treibstoffverbrauch.

Das Fahrwerk mit Mac-Pherson-Achse vorn zeigt sich modern. Keine Wankneigung, präzise Lenkung, schöne Entkopplung von der Feder- und Dämpfarbeit der Frontachse zum Fahrer.

Der Zweiliter-Motor mit Kürzel EA 288 (Kenner kennen ihn aus dem T6) arbeitet vibrationsarm und kräftig. Hier hat er rund 177 PS Spitzenleistung, eine mögliche Leistung über 200 PS musste VW ihm wegen der Erhöhung der Robustheit absprechen. Das zulässige Gesamtgewicht beträgt bis zu 5,5 Tonnen.

Richtig gut: Die elektronischen Fahrhelfer sind auf der Höhe der Pkw-Zeit. Ein außerordentlich gut funktionierender Abstandstempomat lässt sich mit einem Spurhalteassistenten kombinieren. Das Ergebnis kommt dem autonomen Fahren auf der Autobahn sehr nahe, schließlich greift der Assistent bei unabsichtlichem Verlassen der Spur aktiv in die Lenkung ein – ein Novum bei Transportern in dieser Klasse.

Um eingreifen zu können, ist die Servolenkung rein elektrisch, das ist schon aus dem Mercedes-Benz Vito bekannt. Die Schwaben jedoch haben sich gescheut, aktiv eingreifen zu lassen, das behalten sie noch den Luxusautos vor. Bei VW zieht dies nun in den Alltag von Spediteuren ein und – so lässt sich mutmaßen – dem ein oder anderen Reisemobil.

Technische Daten

  • Längen

    5,98/6,83/7,39 Meter

  • Höhen

    2,34/2,60/2,80 Meter

  • Zul. Gesamtgewicht

    je nach Länge bis zu 5,5 Tonnen

  • Antrieb

    102 bis 177 PS, Sechsgang-Schaltgetriebe oder Achtgang-Automatik, Front-, Hecktrieb und Allrad

  • Technische Besonderheiten (Auszug)

    Start-Stopp-Automatik, ACC-Abstandstempomat, aktiver Spurhalteassistent, vollautomatisches Einparken, automatisches Anhängerrangiersystem, Ladehöhe zehn Zentimeter tiefer als bei Sprinter

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